senfkorn. STADTteilmission. Deutsch lernen ohne Stolpersteine. Wozu wir einladen. November 2022

Deutsch lernen ohne Stolpersteine

Wozu wir einladen

Deutsch lernen ohne Stolpersteine

Kennt ihr auch Menschen, bei denen sich der Eindruck verfestigt hat, Deutsch könne man nicht lernen? Zu viele Stolpersteine: Akkusativ, Dativ, Artikel, Satzstellung u.v.m.

Und je mehr Erklärungen sie dazu hören, desto verwirrter werden sie.

Kennt ihr auch Leute, die schon Jahre in Deutschland versuchen, Fuß zu fassen, aber kaum einen ganzen Satz in Deutsch sprechen können? Die so gerne mal ihre Geschichte erzählen würden, ihre Erfahrungen teilen, ihnen dazu aber die Worte fehlen?

Deutsch lernen ohne unnötige Stolpersteine, gibt es diesen Weg? Ich finde schon! Deshalb habe ich im September einen kleinen Sprachkurs mit Frauen begonnen, die alle noch ganz am Anfang mit der Sprache stehen.

Wesentlich unterstützt und ermutigt zu diesem Projekt hat mich Dr. Doris Lenhard aus Darmstadt, Kultur- und Sprachwissenschaftlerin. Sie sagte einmal, man könne Karate auch nicht lernen, indem einem jemand erklärt, wie man die Techniken nennt. Ohne vormachen, hinschauen, nachmachen, üben geht da gar nichts. Und so ähnlich, sagte sie, sei das eben auch mit dem Sprachelernen. Doris hat auch wesentlich an dem frei verfügbaren Material „Deutsch für Flüchtlinge“ mitgewirkt, das nach dem Sprachlernansatz der wachsenden Integration von Wycliff e.V. entwickelt wurde. Da findet ihr dann solche Lernmethoden wie „das schnelle Dutzend“, „etwas in den Eisberg schieben“, „Reaktionsübung“ usw. Sehr spannend!

Großartig ist für mich außerdem, dass ich nach diesem Sprachlernansatz mit Doris und einem syrischen Sprachpaten in einer Kleingruppe seit anderthalb Jahren Arabisch lerne. So erlebe ich dauernd selber, wie es gehen kann, wieviel Freude, eigenes Entdecken, Erfolg da drin steckt. Und wieviel sehr sorgfältige Konzeption dahinter steckt!

Im September war es soweit. Die Frauen für den Kurs sind mir „zugefallen“ und dann ans Herz gewachsen. Denn tatsächlich waren es Frauen aus orientalischen und afrikanischen Ländern, die mich zuerst zu sich nach Hause eingeladen haben, als ich noch ganz neu hier in Gotha-West war. Bei diesen Besuchen war es immer wieder ein Thema, dass sie sich so sehr deutsche Freundinnen wünschen – und dass Deutsch irgendwie schier unlernbar erscheint. Dass viele kleine Kinder haben und deshalb keinen offiziellen Kurs absolvieren können.

Und da es uns in der senfkorn. STADTteilMISSION wichtig ist, dass es den Menschen hier in Gotha-West miteinander gut geht, dass sie ins Zusammenleben und in die Gesellschaft hineingeben, was sie haben, möchten wir sie befähigen und unterstützen – und dazu genau braucht es die Sprache! Also habe ich den Auftrag angenommen.

Mittlerweile treffe ich mich (nur!) einmal pro Woche mit 9 Frauen aus vier Muttersprachen. Ihr solltet das selber sehen! Auf der vorderen Stuhlkante sitzen sie alle und schauen mich mit großen Augen an, um ja nichts zu verpassen.

Vor allem aber mit großen Ohren. Denn darum geht es lange und intensiv: Hören, ganz genau hören – und erst mal nicht nachsprechen.

Warum, das kann, wen es interessiert, nachlesen in den gut verständlichen Anleitungen zum Material.

Im Kurs dürfen die Frauen aktiv dabei sein, reagieren, zeigen, was sie verstanden haben, einkaufen, spielen. Dann holen sie Gegenstände, zeigen auf Objekte im Raum, legen Dinge in, auf, unter andere, hantieren mit Spielfiguren, usw.

Die ganze Zeit sind sie so beschäftigt, dass sie nach 90 Minuten wie nach einem tiefen Tauchgang wieder auftauchen.

Denn es wird ausschließlich Deutsch gesprochen, nicht übersetzt, nicht erklärt, dabei aber sorgfältig ausgewählt, was die Lernenden bereits verstehen können.

Zum Ansatz gehören im Sprachkurs direkt erstellte Audio-Aufnahmen, mit denen das Gelernte in der Woche selbständig wiederholt wird. Ohne das geht es nicht. Unser Gehirn lässt sonst einfach wieder rausfallen, was es zwar irgendwann mal gehört hat, aber nicht verknüpft. Mir gefällt auch diese nötige Selbstmotivation zum Wiederholen gut. Ich will ja niemanden „zum Jagen tragen“.

Die Erfolgserlebnisse bei den Frauen in meinem Kurs sind groß und die Freude entsprechend. Lachen, Interaktion, Aufmerksamkeit allgegenwärtig. Ist einfach so.

Ihr merkt, ich bin selber begeistert und kann allen, die sich im Bereich Deutsch für Flüchtlinge engagieren, diesen Ansatz nur wärmstens empfehlen. Regelmäßig gibt es dafür Online-Fortbildungen und reichlich Unterstützung von den super kompetenten Leuten von Wycliff e.V.

Gerne könnt ihr mit mir für weitere Infos Kontakt aufnehmen! Ich würde euch gerne begeistern für Deutsch lernen ohne Stolpersteine!

(Dieser Blog wurde in überarbeiteter Form veröffentlicht im Wycliff Magazin 2/23 „Viel mehr als Sprache“.)

_______

Aktion: Deutsch-Kurs
Von: Ute Paul
Wann: Jeden Donnerstag, 13.30 Uhr
Wo: Im senfkorn.-Laden am Coburger-Platz 2, Gotha-West
Wer: Frauen mit Anfangskenntnissen in Deutsch
Info: Ute Paul
Anmelden: leider ausgebucht. Anmeldung im Moment nicht möglich

Vorheriger Beitrag
Kirche in der Frischetheke?
Nächster Beitrag
Adventskalender 2022
Weitere Artikel zum Thema

Archiv