senfkorn STADTteilMISSION. Gemeinsam beten lernen. Sommer 2025.

Gemeinsam beten lernen

Sich mit dem Herzen an Gott wenden mit allem, was in unserem Leben geschieht, mit all unseren Themen, Ängsten, Freuden, Hoffnungen, Erlebnissen, das lernen wir im senfkorn. Gemeinsam lernen wir beten. Es ist ein Weg des Vertrauens. Er geht in kleinen Schritten. Er nimmt andere mit. Davon wollen wir erzählen.

Gott, eine Leerstelle

Am Anfang, so merkten wir im Kontakt mit den Menschen in unserem Stadtviertel, steht oft so etwas wie ein Nichts. Eine Leerstelle. Keine Vorstellung von einer anderen Wirklichkeit als der, die man sehen kann. Im sogenannten wissenschaftlichen Materialismus durfte es ja nichts mehr geben. Eine Wirklichkeit jenseits der menschlichen Erklärungen? Nur etwas für Naive, Leichtgläubige, Bemitleidenswerte. So wurde in der DDR in Schulen und Hochschulen verpflichtend gelehrt. Der Mensch erschafft vermeintlich selbst seine Welt. Sonst gibt es nichts.

Und deshalb braucht es am Anfang ein Gespräch darüber, was wir Christen eigentlich meinen, wenn wir „Gott“ sagen.

Pater Reinhard Körner nimmt genau dieses Gespräch in seinem kleinen Band Kirchisch für normale Menschen auf:

„Gar nichts ist klar, wenn es um die Vokabel Gott geht! Deshalb kann es durchaus nützlich sein, zu wissen, was Christenmenschen meinen, wenn sie „Gott“ sagen. […] Sie können das ganze Universum durchforsten und meinetwegen das Multiversum noch dazu: Sie werden dort nichts finden, was man hochkirchisch mit dem Wort Gott benennen würde. […) Wofür aber steht dann die Vokabel Gott?
Für eine Realität ganz anderer Art. […] Sie kann einem bewusst werden, innen im Herzen und im Verstand, wenn einen das Staunen überkommt. […] Man weiß (mit dieser Staun-Erfahrung) dann, ohne recht zu wissen, wie man es weiß:

Da muss noch etwas sein, was „hinter“ allem Dasein ist und „hinter“ all den zufälligen Zufällen; etwas das alles Dasein überhaupt erst möglich macht; etwas, das nicht zu unserer Daseinswelt gehört, dem sich aber unsere gesamte Daseinswelt im Letzten verdankt. Dieses staunend erahnte Große nennen wir Christenmenschen „Gott“.“

Wir üben gemeinsam das Staunen!

Diese Beobachtung von Pater Körner haben wir uns im senfkorn. zu Eigen gemacht und es in unsere Begegnungszeiten mit den Nachbarinnen und Nachbarn eingebaut:
Hat sich mittwochs wieder wunderbar durch Beiträge von Vielen der Abendbrottisch im senfkorn.-Laden gedeckt, dann beginnt das Staunen: „Mal schauen, was hier auf dem Tisch liegt. Oh, Eier. Super. Nehmen wir heute also mal ein Ei“, heißt es dann. Und schon geht es los. Wann merkt die Henne, dass sie brüten möchte? Wann wird die Schale vom Ei hart? Wie kommt das Küken aus dem Ei raus? Warum darf man dem Küken nicht helfen, schneller aus dem Ei zu kommen? Ja, man kann das auch alles erklären. Und selbst dann…

… sitzen alle da und staunen. Wie die Kinder mit offenem Mund. Und lachen. Und werden neugierig. Und ahnen gemeinsam, dass es „hinter“ all dem Wunderbaren, das uns umgibt, etwas Großes gibt.

Noch kennen es viele nicht. Oder besser ihn. Noch ist er fremd, fern. Könnte man vielleicht darauf bauen?

Wir sagen Danke

Nach dem Staunen kommt das Danken. Einfach Danke. Alles ist uns gegeben. Wasser, Erde, Himmel, Luft. Wenn man einmal damit angefangen hat, zu staunen und zu danken, dann wird der Blick weiter. Das Leben wird größer, schöner.

Freitags mittags haben wir eingeladen, wer mit uns dieser Ahnung nachgehen wollte, auf die vergangene Woche zurückzublicken und Danke zu sagen. Das haben wir von den guten Gewohnheiten unserer christlichen Lebensgemeinschaft, der ökumenischen Kommunität OJC, übernommen.
Es entstand eine – auch wieder erstaunliche – Gruppe von Menschen, die begannen, einander zu erzählen, was sie Schönes erlebt hatten. In der Mitte Kerzen zum Anzünden. Wir fügten einen kleinen Rahmen dazu. Worte aus der Liedersammlung in der Bibel, die man Psalmen nennt. Zu den Liedern von damals auch Lieder von heute über Gott und unser Leben. Das Gebet, das Jesus selbst seinen Schülerinnen und Schülern beigebracht hatte.

Nach einigen Monaten merkten wir: Danke sagen ist gut.

Nur manchmal ist uns nicht nach Danken zumute, sondern nach Weinen oder Ärgern oder Sorgen.

Der Rahmen, also die Liturgie (das, was immer wieder kommt) brauchte Ergänzung: Seitdem liest jemand zu Beginn:
„Wir wenden uns heute mit guten und schweren Erfahrungen an Gott.“

Gemeinsam beten lernen

Das „wir wenden uns an Gott“ ist wie next level. Von der Leerstelle zur Ahnung zum Hinwenden. Keine Beweise, aber zunehmend gute Gründe, erste eigene Erfahrungen. „Ich komme unruhig und ich gehe ruhig“, sagte eine der Frauen.

Wir trauen uns noch einen Schritt weiterzugehen und sagen uns gegenseitig im Kreis: „So erneuern wir gemeinsam unser Vertrauen, dass Gott uns nicht alleine lässt und wir vor ihm und mit ihm leben dürfen.“
Ein großer Schritt! Zweifeln ausgesetzt. Will gewagt werden, zart, flüsternd. Darf gewagt werden, wenn man es gemeinsam tut.

Über die Jahre sind wir auf diese Weise in der senfkorn. Gemeinschaft im Stadtviertel miteinander gewachsen. Es ist vielstimmig geworden, weil sich viele beteiligen an den Lesungen, mit persönlichen Beiträgen. Manchmal fließen Tränen, manchmal wird gelacht, immer wird es heller. Hieß es anfänglich „danke“, heißt es jetzt immer mal „ich danke Gott“.

Von freitags gemeinsam ist dieses Beten ins Leben der Einzelnen mit in ihre Häuser gewandert. Morgen- und Abendgebete sind dazu gekommen. Zeiten der persönlichen Stille. Erste eigene Worte des Vertrauens an Gott. Langsam und laut zu Hause einen Text aus der Bibel lesen. Schweigen, hören, warten. Denn Gott redet. Und was wir damit meinen, das solltet ihr unbedingt bei Pater Körner nachlesen!

Sonntags einmal im Monat wird der Kreis der Menschen noch größer, wenn wir uns zum Laden-Gottesdienst treffen. Wir rechnen mit der größeren Wirklichkeit in Person, die wir Gott nennen, die alles durchdringt und da ist. Also einige, nicht alle. Niemand muss das so für sich sehen, um dabei zu sein. Es macht aber neugierig, wenn man das andere sagen hört mit schlichten Worten. Sehnsucht bricht sich Bahn.

Und so geht der Weg weiter und in uns wird es weiter.
Gemeinsam lernen wir beten.
Gerne stellen wir unsere bewährten Gebetsworte zur Verfügung. Mit Angabe der Quelle kannst du sie gerne weiter verwenden.

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